TAG DER ERINNERUNG am 11. Juni 2018 im Dessauer Stadtpark // 80 Teilnehmende gedenken Alberto Adriano, Hans-Joachim Sbrzesny und allen Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt

Bei einem lauen Lüftchen und strahlendem Sonnenschein sind 80 Gäste  aus Dessau-Roßlau und Sachsen-Anhalt in den Dessauer Stadtpark zum TAG DER ERINNERUNG (mehr dazu hier...) gekommen. Eingerahmt von der Baustelle des neuen Bauhausmuseums, einer Institution die mit ihrer kosmopolitischen Tradition für Weltoffenheit, Toleranz und Demokratie steht, ist der heutige Anlass das genaue Gegenteil davon:  Menschenverachtung und purer Rassismus. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 betranken sich drei Neonazis, sie grölten lautstark neonazistische Songtexte, schaukelten sich auf und trafen schließlich im  Stadtpark auf Alberto Adriano. Der mehrmalige Familienvater (mehr dazu hier…) wurde von ihnen so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass seine massiven Verletzungen drei Tage später zu seinem Tod führten. Acht Jahre später und keine 500 Meter vom Stadtpark entfernt, traf dieser unsägliche Hass Hans-Joachim Sbrzesny vor dem Dessauer Hauptbahnhof (mehr dazu hier…).  Dieser wurde in der Nacht zum 01. August 2008 von zwei neonazistischen Tätern solange bestialisch misshandelt, bis er starb.

Ibrahim Arslan ist gar nicht persönlich anwesend – aber seine Botschaft wirkt  umso stärker. Das Grußwort des Überlebenden einer rechtsextrem motivierten Brandstiftung in Mölln, trägt der Moderator Hans Goldenbaum vor. Bei diesen feigen Anschlägen im November 1992 kamen in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt 3 Menschen ums Leben, Arslans Schwester, seine Cousine und seine Großmutter. Neun weitere Opfer wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt, darunter Ibrahim Arslan. „Der rassistische Mord an Alberto Adriano hat mich und meine Familie zutiefst erschüttert“, wird aus der Grußbotschaft zitiert. Das Statement endet mit einem eindeutigen Appell zur Solidarisierung für alle Opfer rechter Gewalt: „Ihr müsst gehört werden, aufstehen und die Ketten des Schweigens durchbrechen“.



Cornelia Lüddemann, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt beginnt mit einer rhetorischen Frage: „Wieviel Erinnerung braucht Dessau-Roßlau, braucht eine Stadtgesellschaft?“ Der Tod von Alberto Adriano habe damals in den Medien und der Politik für Empörung gesorgt und zu einem Umdenken geführt. Doch ihr sind noch heute andere Reaktionsmuster erinnerlich.  Auch und gerade in dieser Stadt habe es zu oft „nachsichtige und schweigsame Duldsamkeit“ für die abscheuliche Tat gegeben. Umso wichtiger ist es für sie, die Erinnerung an alle 13 Menschen die seit der Wiedervereinigung in Sachsen-Anhalt der Neonazigewalt zum Opfer fielen, wachzuhalten: „Sie wurden erstochen, erschlagen und zu Tode getrampelt“. Deshalb stünden alle selbst in der Verantwortung, diesen Feinden der Demokratie die Stirn zu bieten und gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit lautstark und wahrnehmbar aufzustehen: „Jede Bagatellisierung erweitert den Aktionsradius der Rassisten“. 


80 Gäste wohnten der Gedenkveranstaltung im Dessauer Stadtpark bei

Und noch ein Aspekt ist der Landespolitikerin wichtig, der schon im Grußwort von Ibrahim Arslan mitschwang. Demnach müsse gerade im öffentlichen Diskurs die Täterfixierung, über die noch die kleinsten Details berichtet und analysiert würden, zu Gunsten einer Solidarisierung mit dem Betroffenen rechter Gewalt reduziert und nivelliert werden. Diese kämen viel zu oft nur am Rande vor.  Cornelia Lüddemann schließt mit einem bildsprachlichen Vergleich: „Erinnerungskultur ist gerade in rechtspopulistischen Zeiten wichtiger denn je. So wichtig wie Zähneputzen, wenn man nachlässt, wird es braun“.


Cornelia Lüddemann tritt für eine Solidarisierung von Opfern rechter Gewalt ein

Für die Bürgermeisterin und Finanzdezernentin der Stadt, Sabrina Nußbeck, ist der Mord vor 18 Jahren immer noch unfassbar: „Da wurde einem Familienvater das Leben genommen und das seiner Familie für immer zerstört, nur weil er eine andere Hautfarbe hatte“.  Für sie stellt der 11. Juni 2000 auch eine Zäsur im Umgang mit dem tödlichen Konsequenzen des Rechtsextremismus dar, habe er doch das Handeln und Denken in der Bevölkerung und der Politik verändert: „Wir gedenken heute auch allen anderen Opfern rechter Gewalt, das ist wichtig für unsere Stadt“. Schließlich ist sich die Bürgermeisterin sicher: „Das wir heute alle hier sind, ist eine Botschaft an die rechtsextremen Verächter unserer Demokratie.“


Für die Bürgermeisterin Sabrina Nußbeck ist das Gedenken in der Stadt wichtig und richtig









40 Menschen haben sich dann vom Stadtpark auf den Weg zum Dessauer Hauptbahnhof gemacht. Dort steht auf einer Bank ein eingerahmtes Erinnerungswort für Hans-Joachim Sbrzesny. Genau auf jener Bank, wo für den damals 50-Jährigen im August 2008 sein Martyrium begann. 



Jana Müller vom hiesigen Alternativen Jugendzentrum (AJZ) spricht auch im Auftrag des Paritätischen Landesverbandes Sachsen-Anhalt.  An jenem 01. August 2018 schlief der an einer psychischen Erkrankung leidende Hallenser Hans-Joachim Sbrzesny auf der Bank, als die beiden polizeibekannten und wegen Gewaltdelikten vorbestraften Neonazis Sebastian K. und Thomas F. unvermittelt und mit äußerster Brutalität auf den Wehrlosen einschlugen. Für Jana Müller sind die Bezüge zur deutschen Geschichte dabei unverkennbar: „In das menschenverachtenden Weltbild der Täter passen keine kranken und wohnungslosen Menschen. Ihre Ideologie ist geprägt von sogenannten Rassentheorien und sogenannter Rassenhygiene“.  Nur 40 Kilometer von diesem Tatort entfernt, wurden durch die Nationalsozialisten allein in Bernburg über 9.000 Menschen in einer Gaskammer ermordet, weil sie tatsächlich oder vermeintlich physisch oder psychisch krank waren und nicht der „Norm“ entsprachen. In der ausgrenzenden Logik der nationalsozialistischen „Volksgesundheit“ wurde „unwertes Leben“ definiert, dass  damit der Vernichtung anheimfallen konnte. Heute wird diese Sozialdarwinismus genannt und ist ein Ideologiemerkmal der extremen Rechten.


Jana Müller weist auf die historischen Bezüge der Mordtaten hin

Der Mord an Hans-Joachim Sbrzesny ist bei Leibe kein Einzelfall. Nur 22 Tage nach der Tat am Dessauer Hauptbahnhof, so Jana Müller weiter, verprügelte ein 18-jähriger Rechtsextremist den Wohnungslosen und schlafenden Karl-Heinz Teichmann auf einer Leipziger Parkbank so brutal, dass der 59-Jährige zwei Wochen später im Krankenhaus starb. Die ganze Dimension dieses Hasses gegen sozial Schwache kommt auch in einem Interview von Werena Rosenke, der Geschäftsfüherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zum Ausdruck, aus dem die AJZ-Mitarbeiterin zitiert: „Die Opfer sind überwiegend ältere, wohnungslose Männer. Sie fallen ihren Peinigern auf Parkbänken, an Bushaltestellen oder Picknickplätzen in die Hände“. 

Für Jana Müller steht auch vor dem Hintergrund, dass Gerichte oftmals bei solchen Taten die rechtsextreme Motivation der Täter nicht als handlungsleitend einstufen, unmissverständlich fest: „Morde wie die an Hans-Joachim  Sbrzeny und Karl-Heinz Teichmann werden nicht wegen schlechter Laune oder Alkoholeinfluss verübt, sondern sind Resultat eines menschenverachtenden Neonazismus“. Dem Aufruf, dass in der Gesellschaft Hilfsangebote  für kranke und wohnungslose Menschen ausgebaut gehören, schickt sie eine universale Botschaft hinterher: „Wenn Menschenrechte bedroht oder missachtet werden, müssen wir Widerstand leisten. Die Würde aller Menschen ist unantastbar“.

In tiefer Trauer wird sich vor Hans-Joachim Sbrzeny verneigt.



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