Presseerklärung der Mobilen Opferberatung vom 07. Juni 2016

Betroffene und Mobile Opferberatung kritisieren, „Polizeibeamte haben die Opfer nicht ernst genommen und nicht sofort umfassend ermittelt“.

Mobile Opferberatung warnt vor tödlicher Gefahr durch rechte Schläger und Neonazis für Flüchtlinge sowie nicht-rechte und alternative Jugendliche und junge Erwachsene.

„Wir hatten den Eindruck, dass die Polizei uns vernachlässigt.“, berichten Betroffene des schweren rechten Angriffs am 4. Juni 2016 auf der „Ziegelwiese“ am Peißnitz-Ufer in Halle/S. Kurz nach Mitternacht hatte eine Gruppe von sich selbst als „Faschos“ bezeichnenden, bislang unbekannten Männern einen 24-jährigen Studenten mit mehreren Stichen in den Oberkörper schwer verletzt. Die Polizei ermittelt mittlerweile wegen versuchten Totschlags gegen Unbekannt.

Provokation ging von „Faschos“ aus

Knapp ein Dutzend Jugendliche im Alter von 20 bis 25 Jahren aus Halle, Berlin und Dresden, die sich selbst als alternativ bezeichnen und äußerlich auch zum Teil als solche zu erkennen waren, befanden sich in der Nacht vom Freitag zu Samstag in dem Park. Auf der gegenüberliegenden Seite der Saale fand noch ein Konzert statt, viele Menschen waren unterwegs. Plötzlich baute sich eine Gruppe von fünf bis sechs dunkel gekleideten Männern vor ihnen auf. Einer verkündete, er sei „Fascho“ und fragte nach ´ner Kippe. Aus Sicht der späteren Betroffenen handelte es sich um eine klare Provokation. Und aus eigener politischer Überzeugung heraus gaben sie ihm zu verstehen, dass er als „Fascho“ auch keine Zigarette bekäme. Kurz darauf holte einer der Rechten zum ersten Schlag aus. Am Ende eines längeren Geschehens, wobei immer wieder Personen aus der Betroffenengruppe versuchten, beruhigend einzugreifen, lag einer ihrer Freunde stark blutend am Boden. Der 24-Jährige musste operiert und auf der Intensivstation behandelt werden. Auch drei weitere Freunde wurden verletzt.

Entsetzen über unprofessionellen Polizeieinsatz

Freund_innen und Angehörige des Betroffenen hoffen weiterhin, dass die Tätergruppe schnell gefunden wird. Sie sind aber auch entsetzt darüber, wie unprofessionell die Einsatzbeamten vor Ort agiert haben.

Als die Polizei eintraf, waren laut Schilderung der Betroffenengruppe noch mögliche Tatverdächtige bzw. Personen aus deren Umfeld unter den Umstehenden. Allerdings hatten die Betroffenen den Eindruck, dass die Beamten sich nicht wirklich dafür interessierten. So hatte sich zum Beispiel ein unbekannter Mann vor den Augen der Polizei und Betroffenen mit Quarzhandschuhen und Mundschutz ausgerüstet. Der Beamte hielt es jedoch nicht für nötig, dies zu unterbinden oder Personalien aufzunehmen.

Auch im weiteren Verlauf des Einsatzes kam es zu skandalösen Äußerungen von Polizeibeamten. So wurde auf die Frage eines Betroffenen nach Verstärkung entgegnet: „Selber schuld, wenn ihr Parteien wählt, die für Polizeikürzungen zuständig sind“. Ein anderer erhielt einen Platzverweis weil er meinte, sie sollten doch mehr Personalien aufnehmen. Einige Alternative wurden auf dem Rückweg, nur wenige hundert Meter vom Ort des ersten Angriffs entfernt, verfolgt und erneut angegriffen. Als sie später die Beamten aus Angst vor weiteren Attacken baten, sie zu begleiten, hieß es lapidar, dass sei nicht ihre Aufgabe. Sie wären ja schließlich keine Personenschützer. Eine Zeugin hörte außerdem, wie die Beamten miteinander herablassend über die Betroffenengruppe sprachen und der Satz fiel: „Wir können ihnen ja noch den Arsch abwischen“. Erst nach längerem Bitten und Diskussion begleiteten die Beamten die Betroffenen zum Ausgang des Parks.

„Anscheinend haben einige Polizeibeamten immer noch nicht gelernt, was Opferschutz bedeutet“, so eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung. Für die Betroffenen steht fest: „Wir wurden nicht ernst genommen“. Sie erwarten eine umfassende Aufklärung des Einsatzes und dienstrechtliche Konsequenzen für die Beamten. „So etwas darf sich auf keinen Fall wiederholen“.

Rechte Gewalt als tödliche Gefahr

Für Empörung bei den Betroffenen und deren Unterstützer_innen sorgt zudem die Bericht-erstattung der Mitteldeutschen Zeitung (MZ), in der der rechte Angriff u.a. als Zusammenstoß zwischen der linken und rechten Szene dargestellt wird.

„Es ist erschreckend, mit welchem Selbstbewusstsein Neonazis inzwischen an allen Orten in Halle/S. auftreten und der geringste Widerspruch zu einer tödlichen Gefahr wird“, erklärt eine Sprecherin der Mobilen Opferberatung. „Wenn Medien neonazistische Angriffe und Provokationen dann auch noch als Konfrontationsgewalt zwischen Links und Rechts darstellen, geben sie den Opfern rechter Gewalt eine Mitschuld an den Angriffen“, so die Sprecherin weiter.

Mobile Beratung für Opfer rechter Gewalt - Miteinander e.V.

News

  • Rechtspopulismus im Fokus - Veranstaltungsreihe

    Ursachen, Wirkungen und (Gegen-) Strategien

    Weiterlesen...

  • Die Werkstatt Gedenkkultur in Dessau-Roßlau lädt herzlich ein

    Gedenken an neuen Stolpersteinen

    Weiterlesen...

  • Kulturkampf von rechts

    Miteinander e.V. veröffentlicht Bilanz zu einem Jahr AfD im Landtag von...

    Weiterlesen...

  • Vom Willkommen zur Integration

    Trainings und Vernetzung für die Arbeit mit Geflüchteten in den Neuen Bundesländern

    Weiterlesen...

  • Alte und neue Formen des Antisemitismus in unserer Gesellschaft

    Dokumentation der Veranstaltungsreihe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

    Weiterlesen...

  • Boykottbewegungen gegen Israel

    Broschüre der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

    Weiterlesen...

  • „Styles und Codes des Rechtsextremismus“

    Broschüre in 7 Sprachen erschienen

    Weiterlesen...

  • „...das ist deren Privatsache?“

    Fachtagung am 21. März 2017 in Berlin

    Weiterlesen...

  • Kontroversen in der Bildungsarbeit

    Miteinanderthema #4

    Weiterlesen...

  • Methodenkoffer

    Interventionsmöglichkeiten in der Jugend- und Sozialarbeit

    Weiterlesen...

  • "Turnschuh. Scheitel. Aluhut."

    Fachtagung der Bundeszentrale für politische Bildung

    Weiterlesen...

  • Dialog? Dialog! – Reden. Mit wem und in welchem Rahmen?

    Handreichung zu Dialogveranstaltungen über die Themen Flucht und Asyl vor Ort

    Weiterlesen...

  • Studie: Gespaltene Mitte — feindselige Zustände

    Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016

    Weiterlesen...

  • Genderbashing von Rechts

    Newsletter Nr. 52 der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt - Herbstausgabe...

    Weiterlesen...

  • Wahrnehmen – Deuten – Handeln

    Rechtsextremismus in der Sozialen Arbeit keinen Raum bieten

    Weiterlesen...

  • Argumente gegen Rechtspopulisten

    21 Gründe, warum Gewerkschaften Rechtspopulisten wie AfD, Pegida und Co. ablehnen

    Weiterlesen...

  • Demokratiestärkung im ländlichen Raum

    Neue Veröffentlichung des Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement

    Weiterlesen...

  • Rechten Terror als rechten Terror benennen

    Fachkonferenz 3./4. Nov. 2016 Halle (Saale)

    Weiterlesen...

  • Konferenz: Strategien gegen die AfD

    14.-15. Oktober in Halle/ Saale

    Weiterlesen...

  • Trauer um Max Mannheimer

    06. Februar 1920 - 23. September 2016

    Weiterlesen...

  • „Vom für zum mit und von – Politische Bildungsarbeit von und mit Geflüchteten im Kontext struktureller Diskriminierung“

    Fachtagung am 16. und 17. November in Wiesbaden

    Weiterlesen...

  • Programmatik, Themensetzung und politische Praxis der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD)

    Neue Studie der Heinrich-Böll-Stiftung

    Weiterlesen...

  • Zeitzeugengespräche zur Erinnerung an die erste „Probevergasung“ mit dem in Dessau produzierten Zyklon B in Auschwitz vor 75 Jahren

    Weiterlesen...

  • Gemeinsam Handeln: Für Demokratie in unserem Gemeinwesen!

    Handlungsempfehlungen zum Umgang mit Rechtsextremismus im ländlichen Raum

    Weiterlesen...

  • "Neue Nachbarn. Vom Willkommen zum Ankommen"

    Neue Publikation von Pro Asyl und der Amadeu-Antonio-Stiftung

    Weiterlesen...

  • "Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in den Kommunen"

    Neue Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und...

    Weiterlesen...

  • Eskalation rechter Gewalt und ihre Folgen

    Newsletter Nr. 51 der Mobilen Beratung für Opfer rechter Gewalt - Sommerausgabe...

    Weiterlesen...

  • Leben in Unsicherheit

    Wie Deutschland die Opfer rassistischer Gewalt im Stich lässt - Bericht von Amnesty...

    Weiterlesen...

  • Monitoringbericht 2015/16

    Rechtsextreme und menschenverachtende Phänomene im Social Web

    Weiterlesen...

  • "Für eine Pädagogik der Vielfalt"

    Broschüre der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

    Weiterlesen...

  • Hate Speech - Hass im Netz.

    Informationen für Fachkräfte und Eltern

    Weiterlesen...

  • "Aktiv für Demokratie und Toleranz"

    Wettbewerb 2016: ab sofort bewerben!

    Weiterlesen...

  • Hetze gegen Flüchtlinge in sozialen Medien

    Handlungsempfehlungen der Amadeu-Antonio-Stiftung

    Weiterlesen...

  • "Die enthemmte Mitte"

    Neue "Mitte"-Studie: Gesellschaft ist zunehmend polarisiert, Bereitschaft zu Gewalt...

    Weiterlesen...

  • "Es hat die Besten der Welt bewegt..."

    Gedichte und Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg - 09. Juni 2016 um 19 Uhr im Alten Theater...

    Weiterlesen...

  • Projekt "Zeitzeugenpatenschaft" des AJZ e.V.

    Ausstellung wird in Oswiecim/ Auschwitz gezeigt

    Weiterlesen...

  • Aufklären. Sensibilisieren. Verändern.

    Neue Bildungsbausteine des Mobilen Beratungsteams

    Weiterlesen...

  • „Nachfragen, Klarstellen, Grenzen setzen"

    Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der AfD

    Weiterlesen...

  • Welcome2stay

    Einladung zur Zusammenkunft der Bewegungenen des Willkommens, der Solidarität, der Migration und des...

    Weiterlesen...

  • Die Alternative für Deutschland im Wahljahr 2016

    Neue Publikation der Heinrich-Böll-Stiftung

    Weiterlesen...

  • „Feindbild Geflüchtete – rechte und rassistische Mobilisierungen im Themenfeld Flucht und Asyl“

    Fachtagung am 22. und 23. Juni in Hannover

    Weiterlesen...

  • Durchmarsch von Rechts

    Völkischer Aufbruch: Rassismus, Rechtspopulismus, rechter Terror

    Weiterlesen...

  • Rechtspopulistischen Mobilisierungen entgegentreten - Willkommeskultur etablieren

    Dokumentation der Fachtagungen der Amadeu-Antonio-Stiftung 2015/ 2016

    Weiterlesen...

  • Leerstelle Rassismus - NSU und die Folgen

    Fachtag am 01. Juni 2016 in Kassel

    Weiterlesen...

  • COEXIST - Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft

    Eine Broschüre des Beratungsnetzwerk Hessen

    Weiterlesen...

  • Die israelische Demokratie und der Nahostkonflikt

    Workshop am 28. April von 12.00 - 19.00 Uhr in der Volkshochschule Dessau-Roßlau

    Weiterlesen...

  • Einladung zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Todestages von Ida Wunderlich

    21. April 2016, 18 Uhr in der Gedenkstätte Bernburg

    Weiterlesen...

  • Für ein menschenwürdiges Ankommen

    Wohnen und Leben geflüchteter Menschen in Sachsen-Anhalt

    Weiterlesen...

  • "Hier zu leben, hat mich sehr wachsen lassen"

    Lebenssituationen von einheimischen und geflüchteten Muslim_innen aus...

    Weiterlesen...

  • Meinungskampf von rechts

    Über Ideologie, Programmatik und Netzwerke konservativer Christen, neurechter Medien und der AfD

    Weiterlesen...

  • "Schön deutsch?"

    Zivilgesellschaftliche Ansätze in der Auseinandersetzung mit Ideologien der...

    Weiterlesen...

  • Netzwerk zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus

    10-Punkte-Plan zur Bekämpfung des Antisemitismus

    Weiterlesen...

  • Darf die NPD wegen Taten parteiloser Neonazis verboten werden?

    Erkundungen zu rassistischen Akteuren in ostdeutschen Regionen und den Folgen eines...

    Weiterlesen...

  • HIER GEHT ES NICHT MIT RECHTEN DINGEN ZU!

    Jugenddemokratiepreis 2016

    Weiterlesen...

  • Jahresbilanz der Mobilen Opferberatung

    Mehr als 200 politisch rechts und rassistisch motivierte Gewalttaten in 2015

    Weiterlesen...

  • SINTI UND ROMA IN EUROPA - IDENTITÄT, GESCHICHTE, ERINNERUNG

    Seminar für Jugendliche

    Weiterlesen...

  • Nach rassistischen Vorfällen in Sachsen: Die Täter kommen aus der Mitte der Gesellschaft!

    Pressemitteilung des Bundesverband Mobile Beratung vom 25.02.2016

    Weiterlesen...

  • Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Sachsen-Anhalt stellt neues Material zur Verfügung

    Broschüren, Hintergrundinformationen und Handreichungen

    Weiterlesen...

  • „Können Sie mal mit meinem Kind reden?“

    Angehörigenberatung im Zusammenhang mit Rechtsextremismus

    Weiterlesen...

  • Pressemitteilung des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA e.V.)

    Arbeitshilfe für einen bewussten Sprachgebrauch gegen Ausgrenzung und...

    Weiterlesen...

Projekt GegenPart – Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt