TAG DER ERINNERUNG  am 10. Juni 2016 im Dessauer Stadtpark // 100 Teilnehmer_innen gedenken Alberto Adriano, Hans-Joachim Sbrzesny und allen Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 betranken sich Neonazis, sie grölten lautstark neonazistische Songtexte, schaukelten sich auf und trafen schließlich im Dessauer Stadtpark auf Alberto Adriano. Die menschenverachtende Ideologie hinter den 3 jungen Tätern und den von ihnen gegrölten Songtexten wurde bittere Realität. Alberto Adriano (mehr dazu hier…) wurde von ihnen so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass seine massiven Verletzungen drei Tage später zu seinem Tod führten.



Acht Jahre später und keine 500 Meter vom Stadtpark entfernt, traf dieser  unsägliche Hass Hans-Joachim Sbrzesny vor dem Dessauer Hauptbahnhof (mehr dazu hier…).  Dieser wurde in der Nacht zum 01. August 2008 von der rechten Szene nahestehenden Tätern solange bestialisch misshandelt, bis er starb.

Unter dem Schatten der Rotbuche meint es das Wetter am 10. Juni 2016 gut mit den ca. 100 Gästen, die an diesem Tag in den Dessauer Stadtpark gekommen sind. Gleich nebenan tobt das Leben, spielen Kids auf der Basketballanlage den ein oder anderen Korb, haben Spaß und hören laut Musik. Laut wird es auch zu Beginn der traditionellen Veranstaltung TAG DER ERINNERUNG (mehr dazu hier…) und (hier…) und (hier…), die inzwischen zum 16. Mal an die Ermordung von Alberto Adriano erinnert. Mit markanter Stimme singt die 16-Jähriger Schülerin Johanna Marie Jekal vom Liborius-Gymnasium lebensbejahende und zugleich nachdenkliche Lieder. Alles ein wenig moderner und poppiger als die Jahre zuvor, jedoch nicht deplatziert oder unangemessen.


Johanna Marie Jekal vom Liborius-Gymnasium sorgte für die musikalische Umrahmung

„Diese Tode trafen uns sehr. Wir standen auf, demonstrierten zusammen und empörten uns“, wagt Brigitte Lawson einen Blick zurück vor genau 16 Jahren. Die Mitarbeiterin der Auslandgesellschaft Sachsen-Anhalt e. V. , die heute in Sachen Diversity für eine vielfältige Kultur in Verwaltungen, Wirtschaftsverbänden und Verbänden wirbt und moderierend durch die Veranstaltung führte, hat die Nachrichten vom 11. Juni 2000 noch im Ohr und zieht daraus vor allem eine Konsequenz: „Wir müssen handeln gegen das System aus Rassismus und Rechtsextremismus.“



Dass diese enthemmte Gewalt gegen alles Fremde und Andere leider kein Phänomen von Vorgestern ist, steht für Susi Möbbeck, die Integrationsbeauftragte Sachsen-Anhalts und Staatssekretärin im Sozialministerium, fest: „Jeder rassistische Angriff soll Angst schüren.“  So habe es nach dem Zuzug von Geflüchteten und Asylsuchenden im Herbst letzten Jahres eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität im Land gegeben, die sich u. a. in der Gründung zahlreicher Willkommensinitiativen mit viel ehrenamtlichem Engagement manifestiere. Andererseits seien rassistische Ressentiments und Vorurteile zu Tage getreten, die nicht wenige ob ihrer Wucht und schieren Quantität beängstigt. Die Zahlen zu dieser rassistischen Mobilisierungswelle  hat die Integrationsbeauftragte gleich mitgebracht:  laut Mobiler Opferberatung allein in 2015 in Sachsen-Anhalt 217 rechts motivierte Angriffe, davon Zweidrittel aus rassistischen Gründen, 71 Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Sachsen Anhalt und damit neunmal so viele wie 2014 und deutschlandweit wurden gar 1000 Unterkünfte attackiert. Diese Aufzählung des Hasses und der Gewalt ließe sich fortsetzen. Für Susi Möbbeck steht diese verherrende Entwicklung auch im Zusammenhang mit einer verbalen Verrohrung: „Geflüchtete werden in öffentlichen Diskursen stigmatisiert, ausgegrenzt und abgewertet.“  Um diesen Tendenzen offensiv entgegenzutreten, hat sie ein ganz einfaches Rezept dabei, dass aber schwer zu machen ist: „Es braucht die klare und hörbare Meinung der Vielen für Vielfalt und Pluralismus.“ 

  
Die Integrationsbeauftragte Susi Möbbeck fordert die hörbare Meinung von vielen gegen rechte Gewalt ein       

Deshalb ist es der Integrationsbeauftragten auch so wichtig, dass die Erinnerung an die Opfer rechter Gewalt mit der Gedenkstele im Stadtpark in Dessau einen würdigen Ort gefunden hat. Für sie gehört dazu auch Hans-Joachim Sbrzesny, auch wenn er in der einschlägigen Statistik nicht auftaucht: „Rechtsextreme Gewalt richtet sich auch gegen sozial Schwache und Obdachlose. Bis heute ist dieser Mord nicht als rechtsextrem eingestuft. Das wäre aber wichtig, für die Angehörigen und für die gesellschaftliche Aufarbeitung.“



Oberbürgermeister Peter Kuras legt schon vor seinem Statement ein Blumengebinde nieder und verharrt in Gedenken kurz vor der Stele. Angesichts der sinnlosen und abscheulichen Taten fragt er eher rhetorisch in die Runde „Ich höre immer wieder wir leben in einer aufgeklärten Gesellschaft“, um die Antwort gleich mitzuliefern: „Tun wir das wirklich – wohl nicht immer.“  Und noch etwas regt das Stadtoberhaupt von Dessau-Roßlau sichtlich auf: „Das war wohl der Gipfel der Heuchelei“, sagt er und spielt damit auf eine Aktion von militanten Neonazis im November letzten Jahres (mehr dazu hier…) auf dem Dessauer Marktplatz an, in der ausgerechnet die extrem rechte Szene der Region Spenden für Obdachlose sammelte. Natürlich nicht aus Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft, sondern um im Subtext gegen Geflüchtete zu hetzen. Überdies macht ihm die Entwicklung, dass Rechtsextremismus und Rassismus wieder salonfähig zu werden scheinen, Sorge. Wenn Politiker populistisch hetzten, würden das andere als Handlungsaufforderung verstehen. Als lokales Beispiel nennt Peter Kuras eine mutmaßlich rechtsextrem motivierte Anschlagsserie auf eine Szenekneipe, ein Parteibüro und ein Jugendzentrum, die erst vor wenigen Wochen die Stadt erschütterte (mehr dazu hier…).


Oberbürgermeister Peter Kuras zieht Zuwanderung als Chance

Die jüngste Zuwanderung nach Dessau-Roßlau begreift er als konkrete Chance, Vielfalt zu erleben. Angesichts der Tatsache, dass die Stadt seit 1990 insgesamt 31.000 Einwohner verloren habe, könnten die 1000 Flüchtlinge diesen demographischen Aderlass nicht umkehren, die Stadt dennoch bereichern.  Der Oberbürgermeister erzählt noch dass er nicht selten gefragt werde, ob nach 16 Jahren Erinnerung an Alberto Adriano nicht einmal Schluss sein müsste, denn schließlich könne das dem Image der Stadt schaden. Seine Antwort ist pointiert und stringent zugleich: „Viel schlimmer für das Image einer Stadt wäre es, wenn man solche Taten unter den Teppich kehrt.“



Immerhin noch 50 Interessierte haben sich schließlich auf den Weg zum Dessauer Hauptbahnhof gemacht. Dort steht auf einer Bank ein eingerahmtes Erinnerungswort für Hans-Joachim Sbrzesny. Genau auf jener Bank, wo für den damals 50-Jährigen im August 2008 sein Martyrium begann.

 

„Wir machen das, was von der Zivilgesellschaft erwartet wird“, sagt der stellvertretende Stadtratsvorsitzende Frank Hoffmann und bitten die Erinnerungsgäste, enger zusammenzurücken.  Auch Frank Hoffmann stellt darauf ab, dass die Staatsanwaltschaft seinerzeit durchaus Belege dafür sah, dass der Mord an Hans-Joachim Sbrzesny nicht nur von bekennenden Rechtsextremisten begangen, sondern auch aus einer rechten Motivlage heraus verübt worden wäre. Gleichwohl schloss sich das Landgericht Dessau-Roßlau in seiner Urteilsbegründung dieser Argumentation nicht an: „Es gab und es gibt ganz offensichtliche Mängel bei der Einordnung solcher rechten Taten.“  Das sich rechtes Gedankengut in Wort und Tat nicht nur gegen Menschen andere Hautfarbe, sondern eben auch gegen Schwache und Kranke richte, dafür stehe diese Mordtat in Dessau exemplarisch. 

Auch zu den aktuellen Entwicklungen hat der Kommunalpolitiker eine deutliche Position: „Gerade vor dem Hintergrund von Flucht und Asyl brauchen wir Menschen, die die tödliche Dimension rechter Gewalt sichtbar machen und laut aussprechen. Den der Schoß ist fruchtbar noch.“

Was folgt ist Applaus, wohl nicht nur zur Selbstvergewisserung sondern auch als Aufforderung, in diesem Bemühen nie nachzulassen. 

     

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