„Wir machen etwas für das Leben, also machen wir auch etwas gegen Rechts.“


öffentlicher Startschuss für die Servicestelle „Schule ohne Rassismus“ in Dessau-Roßlau //Verein will bundesweite Kampagne in der Stadt verankern

Dessau ist eine schöne Stadt mit netten Leuten.“, ist sich der Musiker der afrikanischen Combo Xingombela aus Magdeburg sicher und begrüßt damit zugleich charmant die rund 80 Gäste, die zum öffentlichen Startschuss der Dessau-Roßlauer Servicestelle „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ den Weg in den Ratssaal gefunden haben. Damit hat die bundes- und europaweite Kampagne (mehr dazu hier...) nun auch in der Muldestadt eine lokal verortete Anlaufstelle. Der Verein „Tradition und Zukunft“ (TUZ e. V.), der das vom Lokalen Aktionsplan für Demokratie und Toleranz (mehr dazu hier...) geförderte Projekt vor Ort umsetzen wird, ist besonders stolz darauf, gleich zum Auftakt auch wirklich die HauptakteurInnen erreicht zu haben. „Ich freue mich vor allem, dass hier soviele Schüler sitzen.“, so TUZ-Vorstandvorsitzende Jana Geißler-Möbius.


die afrikanischen Combo Xingombela rockt den Saal



Die Vertreterin des Vereins, der unter seinem Dach zahlreiche Bildungsträger der Stadt vereint und bisher in Schulen vor allem Berufsberatung und Projekttage angeboten hat (mehr dazu hier...), empfindet die Themenfelderweiterung, die mit der Servicestelle einhergeht, als Herausforderung. Bange ist ihr jedoch nicht: „Die Vielfalt sitzt hier im Saal.“


Jana Geißler-Möbius eröffnet die Auftaktveranstaltung

Oberbürgermeister Klemens Koschig beginnt sein Grußwort mit einer Hommage an seinen Wohnort in Roßlau: „Alles das was ein Dorf ausmacht, hat diese Straße bewahrt. Es gibt da sogar noch Ziegen.“ Dieser leicht verklärte Blick auf die ländliche Idylle dient dem Kommunalpolitiker augenscheinlich als Kontrastierung bestehende Vorurteile und Stereotype: „Auch in unserer Straße gibt es Gedankengut wie Nationalismus und Chauvinismus.“ Doch er macht auch Belege für eine „gelebte Völkerverständigung“ aus. Als Beispiel für Zivilcourage nennt der OB eine geplante Abschiebung einer vietnamesischen Familie aus Roßlau, gegen die sich die Nachbarschaft zu Wehr gesetzt habe und sogar bei der zuständigen Kommission in Magdeburg interveniert habe.


Oberbürgermeister Klemens Koschig überbringt das Grußwort der Stadt

Unsere Kinder kennen keinen Rassismus.“, meint das Stadtoberhaupt. Schließlich würden rassistisches Gedankengut erst später durch Sozialisation erworben. Gerade deshalb ist Koschig vom präventiven Ansatz des Projektes so angetan und bescheinigt dem Trägerverein die notwendige Kompetenz, auch tatsächlich nachhaltig in die Schulen hineinwirken zu können. Insbesondere im Freiwilligkeitsprinzip, für das der TUZ e. V. bekannt sei, liege der Garant für den Erfolg des Vorhabens. „Was wir dringend benötigen, ist das internationale Engagement“, fordert Koschig eine Offensive für mehr Weltoffenheit in Dessau-Roßlau. Gerade um den Standort für ausländische Investoren interessant zu machen, sei eine solche Bewegung unabdingbar.


der Ratssaal: diesmal keine Ratsherren sondern SchülerInnen




Cornelia Habisch von der Landeszentrale für Politische Bildung befasst sich seit Jahren intensiv mit dem größten Schulnetzwerk der Republik, was „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ganz nebenbei inzwischen eben auch ist. „Dessau-Roßlau ist bisher auf der Landkarte von „Schule ohne Rassismus“ bisher noch ein weißer Fleck, wenn wir ehrlich sind.“, sagt die Landeskoordinatorin des Netzwerkes (mehr dazu hier...). Hatte Habisch bisher eher eine geringe Beteiligung an der Kampagne in Sachsen-Anhalt zu managen, kann sie für die letzten Monate eine Erfolgsstory verkünden. Auch wenn Habisch es nicht explizit erwähnt, ist die Ursache für diese Trendwende wohl auch in den lokal verorteten Servicestellen zu suchen. Bereits bevor die Anlaufstelle in Dessau-Roßlau an den Start ging, begannen gleichgelagerte Projekte u. a. in Halle und Magdeburg. Unter den bundesweit 486 Schulen die den Titel „Schule ohne Rassismus“ tragen, sind nun immerhin 22 Bildungseinrichtungen aus Sachsen-Anhalt. Und die Ziele der Kampagne sind nach wie vor hochgesteckt: „Wir hoffen, im Jahr 2011 die 1000 Schule in Deutschland auszuzeichnen.“ Ein Meilenstein auf diesem Weg seien dabei die jährlichen Bundestreffen. Das nächste im kommenden Jahr findet dabei erstmals in Sachsen-Anhalt statt. Für Habisch eine Würdigung der zivilgesellschaftlichen Initiativen, die sich in den letzten Monaten zwischen der Altmark und dem Harz für das Netzwerk stark gemacht haben.


Cornelia Habisch von der Landeskoordination der bundesweiten Kampagne






Was ist eigentlich Rassismus?“, diese simple und doch so schwer zu beantwortende Frage wirft Moderator Mamad Mohamad in den Saal. Der Bildungsreferent der Deutschen Angestellten Akademie, der im Duo mit Jürgen Raßbach (TUZ e. V.) die Servicestelle leiten wird, plädiert vor allem für ein integriertes Handlungskonzept. So wolle man eben nicht nur SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern aktiv einbinden, sondern auch Künstler und Politiker für das Vorhaben begeistern. Um einen breitgetragenen Sensibilisierungsprozess auszulösen, da ist sich Mohamad sicher, braucht es eben auch deutungsmächtige Akteure, die sich für die Kampagne stark machen. Wie das in den nächsten Jahren gelingen soll, umreißt er danach. Neben einer Schnittstelle zwischen Schule, Kommunalpolitik und Zivilgesellschaft, soll das Projekt einen ganzen Blumenstrauß von Auseinandersetzungen im Schulalltag implementieren: Rassismus, Diskriminierung, Gewaltprävention und Demokratieentwicklung. Mamad Mohamad macht kein Geheimnis daraus, dass dafür nicht nur ein langer Atmen vonnöten ist und es bis zu ersten Titelverleihung Zeit brauche. Viel wichtiger als der Titel, sei soundso eine nachhaltige Verankerung solcher Diskurse im Sozialraum Schule. Dafür bietet die Servicestelle auch ganz praktische Hilfe an. Workshops, die Unterstützung engagierter Schülergruppen, die Vorstellung der Projektidee in Elternabenden und Projekt- und Konzeptberatung zählt der Referent exemplarisch auf.


Jürgen Raßbach (r.) und Mamad Mohamad leiten die Servicestelle

Jürgen Raßbach ergänzt seinen Kollegen, nicht nur was die Altersstruktur des Duos anbelangt. Für ihn ist es wichtig, die HauptakteurInnen im Fokus zu haben und für diese eine Lobby- und Verstärkerfunktion auszufüllen. Deshalb möchte er vor allem SchülerInnen coachen, ohne dabei den Lehrkörper außen vor zulassen. Auch die strategische Suche nach kompetenten Kooperationspartnern soll intensiviert werden. Als Anlaufpunkte nennte er den Landes- und Bundeselternrat. Die Philosophie des Projektes, fasst der TUZ-Mitarbeiter eloquent zusammen: „Wir machen etwas für das Leben, also machen wir auch etwas gegen Rechts.“



Bevor die Sekundarschule „Völkerfreundschaft“ aus Köthen, die 2003 als erste Schule in Sachsen-Anhalt überhaupt den Titel „Schule ohne Rassismus“ erhielt, über die bisherigen Erfahrungen berichtet, werden die Eröffnungsgäste mit dem Videoclip „Jeder ist anders“ unterhalten. Zu sehen und vor allem zu hören ist eine multiethnische Hip Hop-Crew von der Sekundarschule „An der Stadtmauer“, die für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit ins Mikro rappt. Der Beitrag, der im Saal für gute Stimmung sorgt, entstand im Rahmen des Videowettbewerbes „Demokratische Welten“ im Sommer diesen Jahres (mehr dazu hier...).




ein Rapper der Hip-Hop-Crew "G-Records"

Sachsen-Anhalts Justizministerin Angela Kolb fand nicht nur lobende Worte für das TUZ-Projekt, sondern hatte zudem eine ganz besondere Bücherreihe im Gepäck, die sie SchülerInnen aus Köthen und der Ganztagsschule Zoberberg überreichte. Es ist eine Zusammenstellung von Buchtiteln, die die Nationalsozialisten 1933 verbrannten. Die von der Moses-Mendelssohn-Gesellschaft in Potsdam aufgelegte Reihe, umfasst so Werke von Erich Kästner oder Anna Seghers. Durch Spenden ist es möglich, allen Gymnasien im Land eine solche Sammlung zu überreichen. Das Interesse sei riesig, derzeit könnten gar nicht alle Anfragen bedient werden, so Kolb. Das Bücherpaket soll vor allem ein lokalhistorischen Zugang zum Naziterror, der eben mit der Verbrennung von Büchern begann, für SchülerInnen und Jugendliche ermöglichen. „Das führt vielleicht dazu, vor der Haustür nachzuschauen.“, hofft Kolb. Schließlich hätten die Nazis nicht nur in Berlin Bücher ins Feuer geworfen, sondern eben auch auf dem Universitätsplatz in Halle.


Sachsen-Anhalts Justizministerin Angela Kolb würdigt das Engagement der lokalen Initiativen...



... und überreichte eine Büchersammlung

Der abschließende Jam, den die Musiker von Xingombela gemeinsam mit den Rappern von „G-Records“ gerne zelebriert hätten, kam freilich nur virtuell zu Stande. Die Kids genierten sich ob dieser Überraschung ein wenig.



Dem gelungenen Auftakt eines Projektes, dem viel Erfolg und vor allem Aufmerksamkeit zu wünschen ist, tat dies keinen Abbruch.

verantwortlich für den Artikel:





 

Projekt GegenPart – Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt