„Wir wollen heute lauter sein als alle Nazis dieser Welt zusammen“Rock gegen Rechts-Festival in der Baggerstadt Ferropolis Gleich im Dutzend nahmen die Anhänger der Dessauer Hardcore- und Metalcombo „Blonk“ (mehr dazu hier...) die strapaziöse Anreise mit dem Fahrrad auf sich. Diese Konditionsübung stimmte dann auch gut auf die Verausgabung ein, mit der die vier jungen Herren aus der Brachialabteilung ihren Auftritt ablieferten. Wer die Jungs im Gründungsjahr 2004 gesehen hat kommt nicht umhin, dem Projekt ein erhebliche Entwicklung zu attestieren. Die einstige Garagenband hat sich spieltechnisch gemausert und ihren recht eigenen Sound kreiert, der im Internet schon einmal als „Screamo“ durchgeht. An der Angst vor den oftmals recht lautstarken und undefinierbaren Geräuschen von der Bühne kann es wohl nicht gelegen haben, dass zur Blonk-Attacke noch recht wenige Leute im Saal waren. Wohl schon eher an der recht uncoolen Zeit, zur der die Band den Reigen eröffnete. Aber vielleicht verspäteten sich ja einige Freunde und Freundinnen aus dem Umfeld, weil sie eine Panne mit dem Drahtesel hatten oder noch schlimmer: Kein Licht am Fahrrad. ![]() Blonk in action ![]() ![]() Nicht minder rockig ging es danach zu. „Dead in Whiskey“ (mehr dazu hier...) konnten klar von ihrem Heimvorteil profitieren, kommen die Mannen um Sänger Nico doch aus der der Heidestadt Gräfenhainichen, die kaum zwei Steinwürfe entfernt am Firmament noch zu erahnen ist. Die „G-Town Rebel`s“, wie sich die Formation in einem Anflug gesunder Selbstüberschätzung gern etikettiert , knallte den Hardcore nur so in den Saal. Doch auch Selbstironie scheint zu Repertoire der Band zu gehören: „Wir klingen nicht nur älter, wir sind es auch.“ Das Quartett hat aber noch mehr zu sagen und bezieht sich direkt auf das Anliegen des Events: „Wir sind heute hier um gemeinsam gegen die braune Brut zu kämpfen. Wir können Euch dabei musikalisch helfen.“ Auch deshalb hatte der Song „Together Forever“ wohl nichts mit Sozialromantik zu tun sondern geriet zum unmissverständlichen Aufruf, sich gemeinsam gegen rechte Gewalt zu engagieren und sich mit den Opfern dieser menschenfeindlichen Ideologie solidarisch zu erklären. Ein gewisser Selbstzweck, quasi die Ehrenrettung der Hardcore-Szene, steht für „Dead in Whiskey“ aber mindestens genau so auf der Agenda. Muss sich doch diese Jugendsubkultur ungewollter Umarmungsversuche der rechten Szene erwehren. Dort hat man den Stil und Habitus des Genres adaptiert und versucht unter dem Label „hatecore“ die Kids zu ködern. ![]() Band mit Heimvorteil: "Dead in Whiskey" ![]() einer der "G-Town-Rebel`s"... ![]() ... und noch einer... ![]() ...und gar ein Dritter ![]() "Barfuss gegen Rechts": der Sänger zeigt Bein In den Umbaupausen flimmern Kurzfilme über die Leinwand. Die versammelte Generation „You Tube“ wird jedoch nicht mit den neusten Handyklingeltönenabonnements belästigt und traktiert. Gezeigt werden Beiträge aus dem Videowettbewerb „Demokratische Welten“ (mehr dazu hier...). Die Filme, die im Rahmen eines vielbeachteten Projektes des Offenen Kanals Dessau in diesem Jahr entstanden sind, beschäftigen sich mit rassistischen Aus- und Abgrenzungsmechanismen und beleuchten die Lebenswirklichkeit von MigrantInnen in der Region Anhalt. ![]() ein klares und vor allem praktisches Bekenntnis... ![]() ...den Klamotten der bei Neonazis beliebten Modemarke "Thor Steinar" sind nicht erwünscht ![]() das Shirt zum Festival gabs gleich neben Infoständen... ![]() ...die Initiativen gegen Rechts in der Region vorstellten Die Zeit zwischen der nächsten Band und dem Weg zum Getränkewagen vertreiben sich derweil einige Gäste damit, sich am Stand des Alternativen Jugendzentrums (mehr dazu hier...) mit dem Festival-T-Shirt einzudecken oder Informationen über hiesige Initiativen gegen Rechts einzuholen. Andere nutzen das grandiose Wetter dazu, einen Bummel über das Ferropolis-Gelände zu wagen. Um entweder dem Charme dieses wohl einmaligen Industriedenkmals zu erliegen oder ganz profan einmal zu taxieren, was das hier ausgestellte Altmetall angesichts explodierender Schrottpreise heute auf dem Markt so wert ist. ![]() postindustrieller Charme, soweit das Auge reicht ![]() ![]() ![]() ![]() ... und ein Baggersee mit einer erstaunlichen Artenvielfalt Zurück an der Bühne, erwartet den geneigten Besucher nun ein musikalischer Kontrast. Die aufstrebende Indiepopband “Virgina Jetzt!“ (mehr dazu hier...) lässt die Fans zunächst an ihrem Lampenfieber teilhaben. Schließlich hat die Truppe eine einjähriger Bühnenabstinenz hinter sich, um an einem neuen Album zu schrauben und Kinder in die Welt zu setzen. Doch diese Sorge scheint unbegründet. Die seichten aber nie trivialen Songstrukturen sind vor allem auch dafür geeignet, die gesetzteren Semester in der Halle zum leichten Kopfwackeln und Fußwippen zu animieren. „Wir wollen heute lauter sein als alle Nazis dieser Welt zusammen“, bezieht das mit Mia. freundschaftlich verbundene Projekt eindeutig Position. „Virgina Jetzt!“, denen übrigens der Nimbus einer gewissen Tiefgründigkeit nachgesagt wird, setzten dabei konsequent auf deutsche Texte. Das Lied „Ich kann nicht wie die anderen“ kann dann wohl auch als Absage an Kollektivität und eine Hommage an die Individualität verstanden werden. Immerhin eine Grundvoraussetzung dafür, keine rechtsextremen Denk- und Handlungsmuster zu präferieren. Wer will, kann „Virgina Jetzt!“ übrigens zwischen laufenden Metern von Neuerscheinungen auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse live erleben. Dort sind die Musiker in Sachen „Lesemusikzimmer“ im Yachthafen der Stadt unterwegs. ![]() Virgina Jetzt! machten eher in seichten Tönen ![]() ![]() ![]() und das Publikum wurde so langsam warm... ![]() ..hatte augenscheinlich Spaß und das durchaus... ![]() ...generationsübergreifend Danach wird es auf der Bühne voller und im Saal lauter. Die „Tornados“ (mehr dazu hier...) haben nichts mit einer Glorifizierung eines gleichnamigen Kriegsgerätes zu tun, aber sehr viel mit einem Off Beat, der steife Extremitäten unweigerlich in Zuckungen versetzt. Die wohl erfolgreichste Ska-Band aus dem Osten der Republik musste dabei zu diesem Festival nicht erst getragen werden. Ist doch das Dessau-Leipziger Projekt dafür bekannt, antirassistische Initiativen seit Jahren praktisch zu unterstützen. „Wenn uns Antisemitismus begegnet, müssen wir etwas dagegen tun“, sagt Thomas an der Trompete dann auch konsequenterweise. ![]() ![]() Achtung: Tanzen erlaubt!!! Dem kosmopolitische Lebensgefühl, für dass die Ska-Musik mit seinen Reggae-Elementen, Soul-Adaptionen und den omnipräsenten Bläsersätzen fast idealtypisch steht, konnte sich an diesem Abend kaum jemand entziehen. Selbst die coolsten Hardcore-Fans wurden in einem vermeintlich unbeobachteten Moment dabei erwischt, wie sie zum Rhythmus der schallernden Posaune und dem Duettgesang der beiden Frontfrauen leicht mit dem Kopf nickten. Erstaunlich wie es den Tornados gelungen ist, die zahlreichen personellen Abgänge und Umbesetzungen der letzten Monate zu verkraften. ![]() die Tornados-Sängerin mit einer Botschaft an einen Unbekannten ![]() ![]() die Ska-Truppe füllt die Bühne aus... ![]() ![]() ![]() Das harmonische Zusammenspiel und der sehr dynamische Sound haben darunter jedenfalls nicht gelitten. Tornado-Klassiker wie „Lolipop“ wurden ebenso souverän dargeboten, wie neue Songs, die kaum jemand zuvor gehört hat. „Die kenne ich nicht einmal“, kommentiert ein langjähriges Bandmitglied die neue musikalische Palette verblüfft. Den Leuten im Saal waren solche Analysen herzlich egal und sie taten das, für was sie eigentlich gekommen sind: Tanzen und Spaß haben. Während der Bassist leicht unruhig auf seine wenigen Saiten haut, schließlich ist er einige Stunden zuvor Vater geworden, zelebriert die Ska-Truppe zum Abschluss einen Song, der gerade heute nicht fehlen darf: „Breaking the Law“. ![]() ![]() ... und animiert das Publikum zur Interaktion Wie es sich für einen Headliner mit Höhepunktgarantie gehört, ist die Stimmung bei Mia. auf dem vorläufigen Höhepunkt. Das Konzept der Band (mehr dazu hier...) funktioniert ohne die äußerst charismatische Frontfrau Mieze nicht, anders ist die fast schon dominante Bühnenpräsenz der Musikerin wohl kaum zu erklären. Die wirbelt wie ein weiblicher Derwisch umher und überrascht in der einstündigen Show mit einer erstaunlichen Wandlungs- und Verwandlungsfähigkeit. Die Choreographie, nicht nur auf musikalische Ebene, ist minutiös geplant und getimt. Auf der Beamerleinwand flimmern Filmriß-Sequenzen von denen man nicht weis, ob sie einer technischen Panne geschuldet sind oder ein künstlerisches Element darstellen sollen. Mal tritt Mieze zusammen mit den männlichen Bandmitgliedern im roten Sportjacken-Partnerlook auf, um wenig später mit einem Aufzug zu erscheinen, der Garry Glitter zu Ehre gereicht hätte. Auch körperbetonte Einlagen sind der Frontfrau nicht fremd, wenn sie das Drumpodest erklimmt und dort mit einem Hula-Hoop-Reifen zur rhythmischen Sportgymnastik für Popfans bittet. Apropos Pop. Mia. gelingt es nach wie vor erstaunlich gut, sich den Einsortierungen der Schubladenfetischisten zu entziehen. Irgendwie hat es was mit Elektropop zu tun. Irgendetwas in der Art, ist man geneigt zu interpretieren, um danach gleich wieder in eine analytische Schockstarre zu verfallen. Dieser Schüttelmix aus schrillem Sound und tanzbaren Stücken ist dann auch ursächlich dafür, dass viele Leute mit der Band nichts anfangen können, die Mia.-Community dennoch immer größer wird. Die Band, auch das zeigt ein oberflächlicher Blick in den Saal, scheint dabei nicht nur Teenies von der Spielkonsole hervor zu locken. Viele der ausgelassenen Fans haben das Mitzwanzigerbergfest schon längst hinter sich. ![]() Mia. rockt die Bühne... ![]() ![]() Mia. hat heute Songs im Gepäck, die VIVA-Vielseher ohne Probleme mitsingen können, aber auch Material von der neuen Scheibe „Willkommen im Club“. Mit dem Titel „100 Prozent“ wird dann auch kräftig der Saal gerockt. Das Publikum gibt mindestens genau so viel. Für einen fast rockigen Instrumentalpart verschwindet Mieze in den Kulissen, um die volle Aufmerksamkeit ihren Bandkollegen zu überlassen. ![]() ...und zieht die Blicke auf sich Schließlich erklärt die Sängerin zum Glück nicht die gesamte Welt, aber immerhin die Hauptmotivation für die neue Platte. Es gehe auch um eine Hommage an die Unperfektheit, darum Vielfalt zu zulassen. Die Textstelle: „Lass deine Monster frei“, wird mit diesem Anspruch wohl korrespondieren. Wenn der Hang zur Uniformität auch nicht ganz zu diesem Appell für Diversität zu passen scheint, alle Bandmitglieder tragen mittlerweile grüne Shirt`s, tut das der guten Stimmung keinen Abbruch. Vielleicht diente dieser offensichtliche Widerspruch zur Songmessage auch nur zur optischen Kontrastierung: Bei Mia. weis man ja nie. ![]() ![]() Einer kleiner Wehrmutstropfen bleibt dennoch, haben die Veranstalter doch mit einigen Gästen mehr gerechnet. Auch das Rahmenprogramm für ein solches Event scheint ausbaufähig zu sein. Das eindeutiger Signal was von diesem Festival ausging, ist jedoch wichtiger den je. Das Zeichen nämlich, dass es zu einem rechten und damit menschenfeindlichen Lifestyle Alternativen gibt, die mit ein wenig Engagement mit Leben gefüllt werden können. Angesichts von rechter Gewalt, die in der Region in den letzten Monaten stetig ansteigt (mehr dazu hier...) und (hier...), ein hoffnungsvoller Beginn für eine notwendige Kampagne, die letztlich auch das Wirken der Initiativen gegen Rechts würdigt. Den in Ostdeutschland, mithin auch in Sachsen-Anhalt, ist die Wahrscheinlichkeit zehnmal höher Opfer rechter Gewalt zu werden, als im Westen der Republik. verantwortlich für den Artikel: ![]() |
NEWS
Interaktive Karte zur europäischen Dimension der extremen Rechten www.projekt-entgrenzt.de |
DIE NAZIS, DIE MEINUNGSFREIHEIT UND DER PROTEST Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE lädt zu DEBATTE am 14. Dezember 2015 ins Mehrgenerationenhaus Dessau ein |
„Frau trifft…Engagement und Courage gegen Rechtsextremismus“ Ausstellungseröffnung am 18. November im Frauenzentrum Wolfen |
15 Punkte für eine Willkommensstruktur in Jugendeinrichtungen Handreichung des Projekt ju:an der Amadeu-Antonio-Stiftung |
„Antisemitismus in der DDR und die Folgen“ Konferenz vom 26. bis 27. November 2015 in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur |
Flüchtlinge in Anhalt – Fragen und Antworten Faltblatt der evangelischen Landeskirche Anhalt |
HATE SPEECH – zum Umgang mit Menschenverachtenden Postings im Web 2.0 Workshop am 20. November 2015 in der Volkshochschule Dessau |
Rassismus - Antisemitismus - Jugendkultur Handreichung von Argumente und Kultur gegen Rechts e.V. |
Einladung zur Veranstaltung „Lieder gegen das Vergessen“ Erinnerung an den Novemberpogrom von 1938 und Gedenken an die Opfer des Holocaust aus Dessau-Roßlau |
Projekt GegenPart – Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt





















































