TAG DER ERINNERUNG am 11. Juni 2020 im Dessauer Stadtpark // 60 Teilnehmende gedenken Alberto Adriano, Hans-Joachim Sbrzesny und allen Betroffenen rechter und rassistischer Gewalt

  

Alles kam anders als geplant, an diesem denkwürdigen und erinnerungspolitisch wichtigen Tag. Es gab keine große Fachtagung, das Solidaritätskonzert fand nicht statt und die Redebeiträge wurden nicht live gehalten. Diese coronabedingten Einschränkungen taten der würdigen Gedenkzeremonie jedoch keinen Abbruch. Rund 60 Gäste  aus Dessau-Roßlau und Sachsen-Anhalt sind in den Dessauer Stadtpark und an den Hauptbahnhof zum TAG DER ERINNERUNG (mehr dazu hier...) gekommen. Vor genau 20 Jahren erschütterte die Republik ein unsägliches Hassverbrechen in Dessau, dass in der Folge zu einem Umdenken in der Auseinandersetzung mit rechter Gewalt führen sollte. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 betranken sich drei Neonazis, sie grölten lautstark neonazistische Songtexte, schaukelten sich auf und trafen schließlich im Stadtpark auf Alberto Adriano. Der mehrmalige Familienvater (mehr dazu hier…) wurde von ihnen so brutal zusammengeschlagen und getreten, dass seine massiven Verletzungen drei Tage später zu seinem Tod führten. Acht Jahre später und keine 500 Meter vom Stadtpark entfernt, traf dieser unsägliche Hass Hans-Joachim Sbrzesny vor dem Dessauer Hauptbahnhof (mehr dazu hier…). Dieser wurde in der Nacht zum 01. August 2008 von zwei neonazistischen Tätern solange bestialisch misshandelt, bis er starb.

Im Grußwort  der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. (mehr dazu hier…), die zusammen mit dem Multikulturellen Zentrum Dessau und weiteren Partnerorganisationen den TAG DER ERINNERUNG seit Jahren mitträgt, wird eine Brücke zwischen den Mord an Alberto Adriano und rassistischen Motiven in der Jetztzeit geschlagen: „Der hat doch bestimmt mit Drogen gedealt, Frauen belästigt, betrunken rumgepöbelt…“ Die Unterstellungen und Schuldzuweisungen hört man immer wieder und liest sie in den sozialen Medien noch viel häufiger, teilweise in noch menschenverachtenderer Ausprägung. Es sind die wiederkehrenden Rechtfertigungsmuster für hassgeleitete und rassistisch motivierte Morde, dass war vor 20 Jahren.  Vor wenigen Tagen starb George Floyd nach massiver Polizeigewalt. Seitdem ist in den USA nichts mehr wie es vorher war. Lang angestaute Wut, Verzweiflung und Ohnmacht verursacht durch alltäglichen Rassismus in jeder Faser der Gesellschaft brechen sich Bahn. Auch in Deutschland werden die Proteste stärker. Denn auch wir sind häufig weit entfernt von einem Antirassismus, der über Lippenbekenntnisse und Kosmetik hinausgeht.“

Das Statement der Stadt Dessau-Roßlau (mehr dazu hier…) verweist nicht zu Unrecht darauf, dass jeder getötete Mensch Fassungslosigkeit, Wut und Trauer hinterlässt. Doch nur wenige dieser Opfer bleiben im Gedächtnis – so wie Alberto Adriano. Sein tragischer Tod hätte vielen Menschen vor Augen geführt, dass rechtsextremes Gedankengut das am Ende zu solchen Taten führt, nicht ignoriert und toleriert werden dürfe. Dass dies ein langer und steiniger Weg war und ist wissen all diejenigen, dies sich gegen Rechts engagieren und für die Opfer stark machen nur all zu gut. 

Das Multikulturelle Zentrum Dessau als Träger des Gedenkens (mehr dazu hier…) zitierte den damaligen Richter am Naumburger Oberlandesgerichts, der für die Mörder an Alberto Adriano deutliche Worte fand: „Die Angeklagten werden lange Zeit zum Nachdenken haben. Ob sie dazu bereit und in der Lage sind, wissen wir nicht. […] Sie müssen darüber nachdenken, dass sie einer Frau den Mann, drei Kindern den Vater genommen haben – ein Kind wird sogar ohne jede Erinnerung an einen Vater aufwachsen müssen. Sie müssen darüber nachdenken, dass wir eine andere Art von Deutschsein vorziehen: weltoffen, tolerant, gastfreundlich. Sie müssen darüber nachdenken: Gleich ob schwarz, weiß, farbig –von Bedeutung allein ist, dass ein Mensch vor ihnen steht. Tiere gehen mit dem am Boden liegenden Gegner gnädig um – Rechtsradikale offensichtlich nicht – sie sind gnadenlos, erbarmungslos –Eigenschaften, die den Menschen fremd sein sollten. Artikel 1 Grundgesetz spricht von der „Würde des Menschen“ und meint die Würde aller Menschen, nicht nur die des, weißen Deutschen‘.“ Die erschreckende Aktualität dieser Einschätzung belegen die rassistische Mordserie in Hanau und der antisemitische Terroranschlag in Halle ganz augenscheinlich.


Razak Minhel und Karamba Diaby mit einer beeindruckenden Geste

Der Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt e. V. hat in seiner Vorab-Botschaft (mehr dazu hier…) dann auch eine klare Forderung an Staat, Politik und Zivilgesellschaft in petto: „Rassismus muss endlich als das behandelt werden, was er ist: Ein existenzbedrohendes, in letzter Konsequenz tödliches Problem für die Betroffenen. Ein Tag wie heute weist auf unser aller Aufgabe und Verantwortung hin: Jede moderne Gesellschaft muss sich daran messen lassen, was sie unternimmt, um Menschen vor den tödlichen Absichten von Rassisten zu schützen.“

Die Staatssekretärin Susi Möbbeck, in deren Verantwortungsbereich auch Programme für Demokratie und gegen Rechtsextremismus aus Bund und Land koordiniert werden, bringt es in ihrem Grußwort (mehr dazu hier…) auf den Punkt: „Eine wache Erinnerung ist keine Last im Vergleich zu einem müden Vergessen.“  Auch wenn die Corona-Pandemie die Planungen zum heutigen Tag hinweggefegt habe, die Erinnerung an den Menschen Alberto Adriano werde nicht verblassen. Sie wünscht sich aus der heutigen Perspektive, also quasi 20 Jahre danach, sagen zu können: „Wir haben aus der Geschichte gelernt. Wir haben uns befreit von der Geißel des Hasses.“ Zugleich fängt sie ihren eigenen Wunsch gleich wieder ein: „Doch das können wir nicht, wenn und weil sich Rassismus und Hetze auch noch heute ausbreiten. Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Hass sind keine Worte, die wir in einem verstaubten Geschichtsbuch nachschlagen müssen. Ein Blick in Zeitungen, soziale Netzwerke, aber auch in die Protokolle der Landtagssitzungen genügt.“ Für Susi Möbbeck ist es deshalb wichtig, das der im Jahr 2000 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgerufenen „Aufstand der Anständigen“ nach wie vor höchste Priorität in Politik und Gesellschaft hat: „Wir brauchen mehr flächendeckende und verbindliche Demokratiebildung von der Kita, über die Schule, bis hin zu Aus- und Weiterbildung! Präventionsarbeit ist und bleibt der beste Verfassungsschutz!“


Staatssekretärin Susi Möbbeck gedenkt den Opfern rechter Gewalt

Der Hallenser Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby, der nicht nur einmal am eigenen Leib gespürt hat wie sich Rassismus anfühlt, beleuchtet in seiner Botschaft (mehr dazu hier…) einen anderen Aspekt: „Verbände wie die Amadeu Antonio Stiftung beklagen seit Jahren die große Diskrepanz zwischen der Anerkennung von Todesopfern rechter Gewalt durch staatliche Behörden und der Zählung durch unabhängige Organisationen sowie Journalistinnen und Journalisten. Während die Bundesregierung lediglich 94 Tötungsdelikte als rechts motiviert wertet, zählt die Amadeu Antonio Stiftung mindestens 208 Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 sowie 13 weitere Verdachtsfälle.“ Auch daran liege es, dass oftmals ein würdiges Gedenken nicht zu organisieren ist. Immer noch zu oft kämen Mittäter mit niedrigeren Haft- oder Bewährungsstrafen davon. Und in einigen Fällen wie bei Oury Jalloh, so Diaby in seinem Vorab-Beitrag weiter, sind die Todesstände bis heute nicht geklärt und untergraben damit auch den Glauben an den Rechtsstaat. Doch er sieht auch positive Entwicklungen. Dazu zählt er ausdrücklich die Einführung des Bundeskabinettsausschusses zur Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.

Die Zeremonie im Stadtpark findet schließlich als stilles Gedenken statt. Keine Musik, keine Redebeiträge aber dafür jede Menge berührende Gesten. Ein Gänsehautschauer überkommt den interessierten Beobachter, wenn sich einige Gäste vor der Gedenkstele für Alberto Adriano hinknien und damit auch ihre Solidarität mit der weltweiten Black Lives Matter-Bewegung zum Ausdruck bringen. Wirklich beeindruckende Bilder.

Noch rund 20 Menschen haben sich dann vom Stadtpark auf den Weg zum Dessauer Hauptbahnhof gemacht. Dort steht auf einer Bank ein eingerahmtes Erinnerungswort für Hans-Joachim Sbrzesny. Genau auf jener Bank, wo für den damals 50-Jährigen im August 2008 sein Martyrium begann. An jenem 01. August 2018 schlief der an einer psychischen Erkrankung leidende Hallenser Hans-Joachim Sbrzesny auf der Bank, als die beiden polizeibekannten und wegen Gewaltdelikten vorbestraften Neonazis Sebastian K. und Thomas F. unvermittelt und mit äußerster Brutalität auf den Wehrlosen einschlugen, ihn regelrecht zu Tode prügelten.


In tiefer Trauer wird sich vor Hans-Joachim Sbrzesny verneigt

Auch zufällige Passant_innen haben indes die Möglichkeit, sich über diesen Mord zu informieren. Die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt (mehr dazu hier…) hat vor zwei Jahren eine Broschüre zu dem Fall veröffentlicht (mehr dazu hier…) in der auch auf die Gründe eingegangen wird, warum die Tat bis heute nicht als rechtsextrem eingestuft wird. Die Infohefte finden jedenfalls reißenden Absatz.  

Trotz oder gerade wegen Corona ist es dem Multikulturellen Zentrum gelungen, die ausgefallenen Programmteile zum TAG DER ERINNERUNG, immerhin die 20. Auflage, mehr als zu kompensieren. Mit einem Podcast respektive Radiobeitrag, einem Web-Seminar und dem Blog  www.warumadriano.de ist es eindrucksvoll gelungen, im virtuell-digitalen Raum die Auseinandersetzung wach zu halten – auch weit über den 11. Juni 2020 hinaus.

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  • Netzwerk zur Erforschung und Bekämpfung des Antisemitismus

    10-Punkte-Plan zur Bekämpfung des Antisemitismus

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  • Darf die NPD wegen Taten parteiloser Neonazis verboten werden?

    Erkundungen zu rassistischen Akteuren in ostdeutschen Regionen und den Folgen eines...

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  • HIER GEHT ES NICHT MIT RECHTEN DINGEN ZU!

    Jugenddemokratiepreis 2016

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  • Jahresbilanz der Mobilen Opferberatung

    Mehr als 200 politisch rechts und rassistisch motivierte Gewalttaten in 2015

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  • SINTI UND ROMA IN EUROPA - IDENTITÄT, GESCHICHTE, ERINNERUNG

    Seminar für Jugendliche

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  • Nach rassistischen Vorfällen in Sachsen: Die Täter kommen aus der Mitte der Gesellschaft!

    Pressemitteilung des Bundesverband Mobile Beratung vom 25.02.2016

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  • Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus Sachsen-Anhalt stellt neues Material zur Verfügung

    Broschüren, Hintergrundinformationen und Handreichungen

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  • „Können Sie mal mit meinem Kind reden?“

    Angehörigenberatung im Zusammenhang mit Rechtsextremismus

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  • Pressemitteilung des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit (IDA e.V.)

    Arbeitshilfe für einen bewussten Sprachgebrauch gegen Ausgrenzung und...

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Projekt GegenPart – Mobiles Beratungsteam gegen Rechtsextremismus in Anhalt